Bildungsbenachteiligung im Ausnahmezustand. Ergebnisse einer Lehrkräftebefragung zur Verschärfung von Bildungsbenachteiligung im Lehren und Lernen auf Distanz

Autorinnen und Autoren Julia Frohn
Institution(en) Humboldt-Universität zu Berlin, Goethe-Universität Frankfurt
Kontaktdaten

Julia.frohn@hu-berlin.de

ggf. weitere Partner
Theoretischer Rahmen/Zugang Theoretischer Rahmen ist Bourdieus Kapitaltheorie, da die unterschiedliche Kapitalverteilung in verschiedenen sozialen Milieus als mitverantwortlich für die Reproduktion von (sozialer) Ungleichheit gilt. Durch Kategorisierung der Daten auf Basis von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital sollen komplexe Zusammenhänge möglicher Benachteiligungsdynamiken systematisiert und damit abbildbar gemacht werden.
Fragestellung(en) der Befragung

Die explorative Studie zielt auf Beantwortung der Frage, ob bzw. wie sich bestehende Dynamiken der Bildungsungleichheit durch den Distanzunterricht verschärfen. Dabei nimmt die Studie eine erste systematische Analyse der Bedingungen und Umstände des Distanzlernen für sozial benachteiligte Schüler*innen vor.

Themen in Stichworten

soziale Benachteiligung, Bildungsgerechtigkeit, Corona-Pandemie, Distanzlernen, Lehrkräftebefragung

Zentrale Befunde der Studie im Überblick/Highlights

Die Auswertung der Daten legt nahe, dass das grundsätzliche Fehlen von Kapital in allen drei Kapitalarten nach Bourdieu negative Auswirkungen auf das Lehren und Lernen auf Distanz hat, da damit gewisse Voraussetzungen für den Distanzunterricht nicht gegeben sind, was als zusätzliche Benachteiligung wirkt. Mit Blick auf das ökonomische Kapital wurden sowohl fehlende finanzielle Mittel als auch die Wohnsituation im Hinblick auf Räumlichkeiten und Ruhe als Hürden für den Lernerfolg sozial benachteiligter Schüler*innen adressiert. Das ungleiche kulturelle Kapital, das die Mehrzahl der Kategorien aus dem Interviewmaterial abbildet, wurde zunächst anhand der Kategorien Fachkompetenz, Motivation/Bereitschaft, digitale Kompetenz, sprachliche Kompetenz, emotional-soziale Kompetenz sowie Selbstständigkeit als mitursächlich für die wachsende Bildungsbenachteiligung in der Pandemiesituation ausgewiesen. Gerade die letztgenannte Kategorie erscheint dabei als ausschlaggebend für den Lernerfolg im Distanzunterricht, die es perspektivisch stärker zu fördern gilt. In den weiteren Subkategorien des kulturellen Kapitals wurden die technische Ausstattung, nicht-technische (Bildungs-)Materialien sowie die institutionelle Zugehörigkeit zum sogenannten „Brennpunkt“ problematisiert.

Das soziale Kapital, das über die Beziehungen im Elternhaus (Unterstützung; nicht-schulische Anforderungen und Konfliktfelder) und über den Sozialraum Schule (Lehrkräftebeziehungen, Lernen für die Lehrkraft) Auskunft geben konnte, ist ebenfalls mitursächlich für die Verschärfung von Benachteiligungsmechanismen.
Methodische Ausrichtung Qualitative Studie
Analytische Ausrichtung explorativ
Erhebungsdesign

Die teilstrukturierten Interviews (N = 16, Durchschnitt: 47 Minuten) wurden via Video-Call im Zeitraum vom 13. bis 26. April 2020, in der Zeit der ersten deutschlandweiten Schulschließungen, geführt und aufgezeichnet. Nach Anonymisierung und Transkription (Dresing & Pehl 2017) wurden die Daten mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) unter Nutzung des Programms MAXQDA ausgewertet. Bei der induktiv-deduktiven Kategorienbildung wurden die drei Basisdimensionen von Unterricht und ihre Subdimensionen als Ordnungsprinzip genutzt. Mittels zweier zeitlich getrennter Codiervorgänge (T1/T2) wurde durch Berechnungen anhand von vier Beispieltexten (=25% des Gesamtmaterials) eine Intracoderübereinstimmung von 0,93 (Cohens Kappa) erzielt.

Zeitpunkt(e)/Zeitraum der Erhebung(en) 13.-16. April 2020
Art der Stichprobe und Benennung der Personengruppe(n) und Anzahl

Es wurden Interviews mit zwölf Lehrkräften an neun Berliner Gemeinschaftsschulen und integrierten Sekundarschulen in stärkster sozialräumlicher Benachteiligung (Berlin-Pass-Quote  mehr als 75%) sowie mit vier Lehrkräften an vier besonders herausragenden Berliner Gymnasien (Abiturdurchschnitt besser als 2.0) geführt. Dabei wurden mit der Stichprobenakquise Lehrkräfte anvisiert, die anhand besonderer Rollen in der Schule als Expert*innen für Lehr-Lern-Prozesse gelten (z.B. Fach- und Fachbereichsleitungen).

Geographischer Raum der Studie Deutschland / Berlin
Bibliographische Angaben zentraler Publikation(en)

Frohn, J. (2020). Bildungsbenachteiligung im Ausnahmezustand. Ergebnisse einer Lehrkräftebefragung zur Verschärfung von Bildungsbenachteiligung im Lehren und Lernen auf Distanz. PraxisForschungLeh-rer*innenBildung, 2 (6), 59–83.

https://doi.org/10.4119/pflb-3908

Projektwebsite
Sonstige Hinweise/ggf. Besonderheiten
Kommentar
Repositorium Factsheet